Warum werden Freizeitpferde immer billiger wo doch die Ansprüche steigen??

Werden Pferde immer billiger?

Dieser Text wurde uns freundlicherweise von Stefan Ungemach zur Verfügung gestellt, bei dem wir uns recht herzlich bedanken!
Der Auslöser dieses Statemants war die Meinung eines Freizeitreiters, dass gute Pferde immer billiger werden.
Dies stimmt keineswegs. Die Ansprüche werden immer geringer weil nicht mehr gut oder weniger gut, sondern nur noch der Preis zählt.

Oder ein "Freizeitpferd, gute Reitpferdepoints, nicht hübsch, nicht hässlich, lieb, gesund, keine Unarten, ohne Papiere, 2000 EUR". Merkst Du was?

Es wird künftig für die Züchter noch härter werden... ich selbst bin REITER, ich kann damit leben.
Der Ansatz kommt mir bekannt vor. Immerhin wollen die Leute mittlerweile alles so billig wie möglich kriegen, möglichst wenig Eigenverantwortung investieren müssen, die Fixierung auf eigene Ansprüche als Cleverness schönreden, und ihr völliges Desinteresse an allen anderen, die nicht gezielt ihr jeweiliges Bedürfnis bedienen, als Stärke verstehen dürfen.


GEDANKENSPRUNG

Aus genau diesem Grunde haben wir beispielsweise mittlerweile kaum noch einen Computerhändler, der sich mit der Vielfalt an Produkten auseinandersetzt, die Bedürfnisse des Kunden auslotet, die für diesen geeignete Maschine zusammenstellt und optimiert, dem Kunden vor und nach dem Kauf als Ansprechpartner zur Verfügung steht und sich stets nahe am State-of-the-Art bewegt. Ebenfalls deshalb ist das Gejammer über Viren, Spam, Treiber und Software von Jahr zu Jahr lauter, und der Politik als Sprachrohr eines in der Sache nicht wirklich kompetenten Volkes fällt nichts Besseres ein, als immer skurrilere Haftungsansprüche und "Idiotensicherheits-Forderungen" zu zementieren.

Weil kaum einer noch mehr Geld als den Grabbeltischpreis für die Maschine, und mehr Aufwand als das Durchblättern der Computer Bild auf dem Klo, investieren will. Scheiss' auf die Produzenten und den Einzelhandel, alles nur reiche Bonzen, die einen übers Ohr hauen wollen - und die verkalkten Kerle, die tatsächlich zwei ganze Jahre an der Universität UNIX gelernt haben, sind nur doof, sonst hätten sie schon nach der zweitägigen Lektüre von "Programmieren fuer Dummies" ihre eigene Textverarbeitung geschrieben.

BTW: fällt eigentlich niemandem auf, wie aberwitzig die Existenz und der Erfolg ganzer Buchreihen mit solchen Titeln ist? Wann erscheint endlich "Gehirnchirurgie für Hauptschüler"? Oder "Die Volkswirtschaft verstehen in 7 Tagen"?

Mittlerweile werden Forderungen gestellt, die der Sache (nämlich dem Umgang mit einer großen Menge Daten und Informationen, sowie der Erledigung von hochkomplexen Aufgaben) längst nicht mehr gerecht werden und sich teilweise selber widersprechen. Aber sie werden so nachdrücklich vertreten, und so begeistert nachgeplappert, dass sie ihre Rechtfertigung aus sich selber ziehen. Das Gebilde Computer/Betriebssystem/Anwendungen muss so einfach funktionieren wie ein Staubsauger, und gleichzeitig jede denkbare und undenkbare Aufgabe erfüllen. Es soll idiotensicher sein, dabei jedoch Hinz und Kunz Aufgabengebiete erschließen, an die sie sich noch vor kurzer Zeit nicht mal im Traum gewagt hätten, weil sie das Gegenteil, nämlich Experten, erfordern. Es soll alles können und am besten bereits gestern erledigt haben, aber nichts kosten. Es soll den Menschen mit der ganzen Welt verbinden, ihn jedoch vollständig vor deren bösen Buben beschützen. Und so weiter.

Es gibt nur eine Adresse, an die man mit grenzenloser Naivität jede noch so absurde Forderung richten kann, und das ist der liebe Gott. Es ist denn auch kein Zufall, dass sich eine solche Forderungsliste wie ein Gebet und/oder Wunschzettel liest - es sollte aber jedem klar sein, was das bedeutet: hier hat der Glaube das Wissen ersetzt. Wenn so etwas passiert, kommt es immer zu einer Spaltung der Gesellschaft in zwei Teile: bevormundete und in der Sache völlig hilflose Gläubige, und argwöhnisch beäugte und beneidete Atheisten, die ihre größere Kompetenz Tag für Tag mit der steten Wahrnehmung einer alles andere als rosaroten Welt samt aller daraus resultierenden Unsicherheiten bezahlen.

Fazit: wenn sich einer nur noch für das interessiert, was er haben will, und die Augen vor allen darüberhinausgehenden Zusammenhängen verschließt, kann er zwar für eine begrenzte Zeit die vorhandenen Ressourcen besser als andere ausnutzen. Wenn das alle machen, gehen zuerst Komplexität und Gleichgewichte verloren, als nächstes ersetzen Forderungen Lösungen, und zum Schluss verbleibt neben kleinen, isolierten Eliten eine träge, lenkbare Masse, die sich (unfreiwillig und irgendwann auch unbewusst) mit viel weniger zufriedengibt, als eigentlich "drin" gewesen wäre.

GEDANKENSPRUNG ENDE


Aber kommen wir langsam zurück in die Reiterwelt. Denn diese Entwicklung beschränkt sich beileibe nicht auf die IT-Branche – nur hat sie sich in der bereits bis hin zu den bittersten Konsequenzen vollzogen, so dass man schon langsam mal ein paar Erkenntnisse daraus gewinnen könnte. Drei zentrale Beobachtungen sollten jedem zu denken geben. Erstens: der kompetente Einzelhandel nicht nur als Berater, sondern auch als "Produzent" der individuellen Lösung, liegt in den letzten Zügen, und den Aldi-Schnäppchenerwerbern gehen die potentiellen Retter rapide aus. Zweitens: das Durchschnittswissen über Informatik (nicht nur über das jeweilige Werkzeug, sondern darüberhinaus über das Verständnis von und den Umgang mit Informationen) ist, gemessen an der Zahl der einen Computer Benutzenden und Besitzenden, dramatisch gesunken, was u.a. zu einer ganz neuen Angreifbarkeit des Einzelnen geführt hat. Drittens: die Qualität von Computern und Software nimmt, nur unzureichend durch einen Wust von Features und beeindruckenden Kennzahlen kaschiert, stetig ab.

Ist es wirklich so schwer, die Parallele zu den Reitern zu erkennen?

Oder ist es nur so unangenehm?

Mit genau solchen Statements wie dem obigen, die (da sie den "will haben"-Antrieb einer breiten Masse bedienen) so populär wie kurzsichtig sind, treiben wir die Entwicklung in eine verhängnisvolle Richtung.
Warum also noch züchten?

Auf der Triple-D-Ranch werden fast jedes Jahr Fohlen geboren, oftmals Nachwuchspferde für den Freizeitreiter. Denn wir sind der Meinung, auch wer nicht Spitzensport betreibt, hat ein Anrecht auf gute Pferde mit solidem Fundament.


Irgendwann gibt es halt keine Züchter mehr, die korrekte Pferde produzieren und sie gar noch solide über einen genügend langen Zeitraum ausbilden.

Denn ihre Einnahmen hat ihnen keiner gegönnt, und ihre Notwendigkeit hat keiner begriffen (im Bedienen einer elitären Turnierreitergemeinde mit Spezialpferden für den Sport bestand sie jedenfalls schon mal nicht). Sie werden deshalb nicht die gerechte Strafe für ihr arrogantes Festhalten an Rasseidealen erleiden, sondern schlicht ihr Gesicht ändern: einige werden (sozusagen als Anbieter für die "ich bin doch nicht blöd" ) immer größere Mengen immer schlechterer Pferde produzieren und umsetzen.

Es wird auch in dem Masse immer weniger gute und unbequeme Reitlehrer geben, wie sich oberflächliche und leichtverdauliche durchsetzen - genauso, wie schon längst keine umfassenden, stringenten Reitlehren mehr in den Buchhandlungen stehen, sondern monatlich neue, dünne und auf kleinste Teilbereiche begrenzte Büchlein - oder Artikel in den unzähligen Reiterblättchen - den Umsatz sichern und den (ehrlicherweise recht kleinen) Wissensdrang befriedigen.

Und es wird kaum noch "ausgebildete Ausbilder", speziell für die Pferde, geben.

Das können nämlich alle Selberwurschtler, spätestens wenn das erste der trendgerechten Kurzbüchlein im "Pferde"-Regal der Buchhandlung ehrlicherweise tatsächlich mit dem Titel "Grundausbildung für Dummies" erscheint (bestimmt hat schon ein Verlag Titelschutz hierfür beantragt), auch selbst.

Norbert Gleißner gehört zum Triple-D-Ranch Team, ist Ausbilder - und er macht es gerne!


Besser sowieso, denn sie beherrschen dank fleissigen Herumblätterns dazu auch noch Dutzende Bodenarbeitsvarianten, Pferdespiele, Zirkuslektionen und Psychotricks - und vereinen in ihren Vorstellungen nicht nur eine, sondern meistens gleich alle Reitweisen. Das ergibt vielseitig ausgebildete Pferde, nicht der langweilige Remontenscheiss! Der Beruf des Bereiters, so wie wir ihn heute noch verstehen dürfen, dürfte so ziemlich schnell unattraktiv werden.

Immer dann, wenn viele Leute ein gemeinsames Interesse entdecken, sinkt das allgemeine Verständnis für die Materie fatalerweise in der gleichen Geschwindigkeit, in der die Probleme zunehmen. Das Ergebnis ist eine laute, lärmende "Stimme des Volkes", die Unsinn predigt und fordert. Dieser gruppendynamische Effekt ist dermaßen alt, bekannt, bewiesen und dokumentiert, dass ihn eigentlich niemand mehr infrage stellen dürfte - natürlich will dessenungeachtet gerade die jeweilige Gruppe das ums Verrecken nicht wahrhaben und rettet sich in allerlei, erneut lautstark vorgetragene, Ersatzerklärungen und Schuldzuweisungen.

Für die zunehmende Masse der Reiter greift natürlich genau der gleiche Mechanismus wie für jede andere in die Breite statt in die Höhe wachsende Gruppe Gleichgesinnter - Niveau und Weitblick gehen gleich schnell verloren, und die Betroffenen verschließen sich bis zum Untergang vor dieser unangenehmen Erkenntnis. Das ist nun mal so, der Mensch ist halt in dieser Weise "gebaut".

Freizeitreiten unter Gleichgesinnten macht Spaß - es sollte jedoch immer bedacht werden, das Pferde auch Bedürfnisse besitzen!


Fazit: wenn immer mehr Leute ihr Pferdchen haben wollen und zu diesem Behufe - ausschließlich am egoistischen Wunsch orientiert - nach dem billigsten Angebot und der schnellsten Reitlehre fahnden, geht es mit der Reiterei bergab. Und zwar richtig. Da mag z.B. ein Solinski noch so eifrig sich und seinen Anhängern einreden, der Freizeitreiter als solcher sei der Inbegriff von Edelmut und Engagement, gleichsam ein "ecuyer" (=Ritter, die Nummer mit diesem hatten wir ja auch schon mehrfach in den unterschiedlichsten Zusammenhängen) - wohingegen die Herleitung des Begriffs aus dem Amerikanischen (vom "pleasure rider", dem genussorientierten "Gammler zu Pferde") einen vernachlässigbaren Auswuchs beschriebe. ES IST GENAU ANDERSHERUM.

Natürlich findet man, wir hatten das ja schon erschöpfend festgestellt, jenen edlen Pferdemenschen tatsächlich gelegentlich in der Masse der Hobbyreiter. So wie man auch unter den Sportreitern solche mit derart ausgeprägtem Horsemanship zu entdecken vermag, dass sich ein Roberts oder Parelli (auch wenn die, mehr aber noch ihre Anhänger, das gleich kategorisch in Abrede stellen - dem einen setzt kommerzielles Interesse, den anderen das Selbstwertgefühl in dieser Angelegenheit besonders große Scheuklappen auf) beschämt abwenden müsste. Nicht zuletzt ist es bereits ein Fortschritt, wenn sich ein Wanderreiter für ritterlich oder ein Sportreiter für einen Tierfreund halten möchte, denn das deutet zumindest schon mal auf das Vorhandensein geeigneter Wertvorstellungen hin. Aber beides repräsentiert das Gegenteil des allgemeinen Trends, mithin eine sehr kleine Minderheit. Und vor einem solchen Hintergrund sollte man das Bedürfnis von "vielen" Leuten grundsätzlich mit Vorsicht genießen.

Dieser Text wurde uns freundlicherweise von Stefan Ungemach zur Verfügung gestellt, bei dem wir uns recht herzlich bedanken!